Newsletter: KW 31 in Genderhausen

Manche Wochen karren einem so viel…Input vor die Füße, man bräuchte eigentlich einen Verarbeitungsassistenten. Und obendrauf noch eine Nackenmassage. Aber es hilft ja alles nichts, und daher in medias res mit einem #Highlight – einem Artikel über Frauen, Werbung und den Ausverkauf des Feminismus, von Pia Ratzesberger in der SZ. Ratzesberger beschreibt dort gleich mehrere Probleme: Wie Unternehmen Frauen als neue kaufkräftige(r werdende) Zielgruppe entdeckt haben („Frauen sind das neue China“ Daimler-Chef Zetsche), wie das Frauen aber leider nicht emanzipiert, sondern eher zu „Heldinnen des Neoliberalismus“ (Laurie Penny) macht und wie gefährlich darüber hinaus der aufkeimende „Marktfeminismus“ ist. Also zum Beispiel Produkte, die als feministisch verkauft werden, aber eigentlich nur gerade-mal-so nicht sexistisch sind. Über das „We should all be Feminists“-Shirt von Dior (für gut 540 Euro) haben sich ja schon viele zurecht ausgelassen, aber es ist immer noch ein gutes Beispiel für die Kommerzialisierung des Feminismus. Auch, weil es mit dem Wunsch einiger Frauen spielt, Feminismus irgendwie lifestylig inkorporieren zu können. Unvergessen ist mir, wie sich auf einer Lesung mit Laurie Penny eine junge Frau mal fast verzweifelt an Penny wandte mit der Frage, warum denn Feminismus in Berlin weniger cool sei als in New York. Penny ist ein grund-höflicher Mensch und fragte nur verwundert zurück, wann Feminismus denn jemals cool gewesen sei. Und vor allem: Warum man denn cool sein wolle?!

Zum Thema Marktfeminismus passend und ebenfalls empfehlenswert ein Beitrag beim Deutschlandfunk über Andi Zeislers „Wir waren doch mal Feministinnen“:

„Das Problem ist – das Problem war schon immer –, dass Feminismus kein Spaß ist. Er soll auch kein Spaß sein. Feminismus ist komplex und schwierig, und er nervt.

Zeisler stellt sich u.a. die schwierige Frage, wie man die popkulturelle Aneignung des Feminismus durch Beyoncé und Co. denn nun finden solle: Ist das schon Selbstermächtigung oder sollte das besser weg?!

Mein #Lowlight der Woche kommt von der Heinrich-Böll-Stiftung. Der eigentlich doch tollen Heinrich-Böll-Stiftung. Dort wurde eine neue feministische Plattform etabliert: „Agent*In – ein Antifeminismus-kritisches Online-Lexikon“. Also ein Wiki, in dem antifeministische Ideologien, Kampagnen oder Organisationen vorgestellt werden. Aber eben auch einzelne Personen.

Klar, dass die Debatte, ob das denn so geht, schon kräftig im Gange ist. Ich halte dieses Pranger-Verfahren auch für mindestens ungehörig und darüber hinaus für einen ganz schwierigen Move mit maximal schlimmen historischen Vorbildern. Oder, wie die ewig-auf-den-Punkt-bringende Margarete Stokowski es bei SPON formuliert hat:

Was, wenn einer oder eine von denen, die da draufstehen, die Meinung ändert? Oder Zweifel hat? Oder sich irgendwie ambivalent verhält, vielleicht gerade mitten in einem Erkenntnisprozess steckt, oder meinetwegen eine Erleuchtung hatte, oder einfach wie ein ganz normaler Mensch – sich verändert? Was bringt dann diese merkwürdige Diskurssimulation im Geiste einer Grundschul-Klowand, auf der steht, wer alles doof ist?

Antje Schrupp hat sich auch geäußert und erläutert, dass sie sich auch nie namentlich auf Menschen, die sie (wegen ihres Antifeminismus) kritisiere bezieht. Also die Praxis des „Nonmention“ durchzieht:

Denn ich will das Argument widerlegen, nicht den Autor adressieren, oder die Autorin. Mein Publikum sind die anderen Menschen, die den betreffenden Text lesen, darüber nachdenken, davon hören. Für sie will ich andere Perspektiven und Zusammenhänge anbieten. Und anderen, die mit solchen Menschen diskutieren, zum Beispiel auf der Arbeit und so weiter, argumentativ unterstützen. Aber mit dem Autor oder der Autorin will ich ja gerade gar nichts zu tun haben.

Außerdem, und diesen Gedanken sollten wir aus Schrupps Text auch noch mitnehmen, ist das antifeministische Label, gerade wenn es Frauen verliehen wird, eine gefährliche Sache. Denn es birgt die Gefahr, Unkonventionalität und Originalität auszuschließen und so Konformismus zu fördern:

Und Konformismus ist das schlimmste Gift für die Freiheit der Frauen. Ein viel schlimmeres Gift als es jeder Antifeminismus sein könnte.

[Die Plattform ist mittlerweile offline]

Mein #Netzfund der Woche ist von Hannah Lühmann. Sie hat bei der WELT über Sapiosexuelle geschrieben. Also Menschen, die auf intelligente Menschen stehen („sapere“, lat. „wissen“). Als Bottom Line könnte man vielleicht zusammenfassen: Wer sapiosexuell ist, ist weder hetero noch homo noch bi, noch oberflächlich. Und Lühmann hat sehr recht wenn sie, wie in ihrem Facebook-Post, schreibt, dass solche Labels wichtig sind, weil sie der Identität eine Möglichkeit der Zugehörigkeit bieten. Weil sie Ausdruck dessen sind, was auch z.B. Judith Butler beschwört: „You can’t be what you can’t see“. Gerade im Bereich der Sexualität können solche Label wichtig sein. Denn es geht nicht nur um die eigene Identität, sondern auch um eine Möglichkeit, gesellschaftliche Anerkennung einzufordern. Und dazu braucht es Wörter; Namen und Labels.

Lühmann zweifelt in ihrem Beitrag allerdings an, ob diese ständigen Distanzierungsakte und Selbst-Definitionen zur Freiheit taugen:

Aber ist das spannende nicht gerade das, was man nicht weiß? Über sich? Über den anderen? Über das, was erst entsteht?

 

Interessanter Gedanke. Ich muss allerdings gestehen, dass „mein Problem“ mit Sapiosexualität woanders liegt. Ich habe den Eindruck, und das gilt auch vielmals für das Label „queer“, dass der aktuelle Run auf diese Labels vor allem als Distinktionsmerkmal für diejenigen gilt, die sicherstellen wollen, dass sie mit Heteros und cis-Menschen nicht in einen Topf geschmissen werden. Frei nach dem Motto: Völlig egal wie die eigene Lebenserfahrung aussieht, Minderheit ist immer besser. Das solche Labels dabei zur Lifestyle-Entscheidung verkümmern und damit auch die leider sehr handfesten Diskriminierungserfahrungen von Homosexuellen, für die ihre Sexualität und ihr Begehren keine Entscheidung ist, sogar ausblenden helfen, ist bestimmt nicht gewollt, aber es passiert. Food for thought.

Ans ❤ legen möchte ich euch einen Artikel von Hayley Krischer auf „The Rumpus“: „Understanding the language of female breakups“. Über das Ende von Frauen-Freundschaften. Der Text ist lang (ehrlicherweise zu lang), aber inspirierend. Krischer stellt u.a. ein Buch der Linguistin Deborah Tannen vor (You’re the Only One I Can Tell: Inside the Language of Women’s Friendships) – Tannen hat mit 80 Frauen über ihre Beziehungen zu anderen Frauen gesprochen und beschreibt „friendship cutoffs“ als die schlimmsten Beziehungstrennungen, die Frauen erleben:

When someone you’ve been close to, who has been part of your life, suddenly refuses to see you or speak to you, her departure leaves a hole in your life and your heart.

Zu dem Thema habe ich bei ze.tt auch mal geschrieben und selten so viel Feedback zu einem Artikel bekommen. Auch selten so einstimmig: „Ging mir ganz genauso“. Noch mehr food for thought!

Und bevor ich’s vergesse: In der letzten Woche ging es auch bei der WELT um Frauen und Kommerz. Genauer: Um das Business mit dem Untenrum, „Liebe Frauen, lasst eure Vaginas in Ruhe!“ habe ich dazu geschrieben und nein, damit ist nicht Masturbation gemeint 🙂

Außerdem könnt ihr bei der WELT kmpkt nachlesen, was beim Online-Dating so falsch läuft und warum Manspreading keine Frage der medizinischen Notwendigkeit ist. Nächste Woche gibt’s wieder einiges zum Thema Liebe – aber nur, wenn ich jetzt fix mit diesem Newsletter aufhöre! An die Arbeit!

Baba, ihr Lieben, macht’s gut – uns allen eine feine Woche mit ein bisschen Fluxus…

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