Newsletter: KW 3 in Genderhausen

Heute gibt’s viel zu berichten. Die Woche war knackevoll (nebenbei: Es ist schon erstaunlich, wieviele Wörter tatsächlich im Duden stehen…). Los geht’s, natürlich mit #metoo.

In der „Zeit“ beschreibt Susanne Mayer ganz unaufgeregt den aktuellen Stand der Debatte – wie der Bademantel zum Symbol (und möglicherweise Synonym) von sexueller Belästigung und männlicher Selbstermächtigung wurde, was es alles noch zu tun gibt und, nochmal als Denkanstoß für die Kolleginnen aus Frankreich: Sexuelle Belästigung hat nichts mit Erotik zu tun. #Highlight!

Wie oft das missverstanden wird, wie voraussehbar bei der öffentlichen Debatte alles in den sprichwörtlichen Topf geschmissen wird, zeigt auch der Fall Aziz Ansari. Ganz kurz: Der amerikanische Komiker wurde in einem Artikel der „Babe“ beschuldigt, sich sexuell nicht einwandfrei gegenüber einem Date verhalten zu haben. Die Anschuldigungen schlugen vor allem auch deswegen hohe Wellen, weil nach Lektüre des Berichts den meisten das Geschilderte als nicht besonders schlimm vorkam. Anders gesagt: Ansari erscheint nicht wie ein Gentleman. Aber nicht wie ein neuer Weinstein. Noch jemand, der sexuelle Gewalt ausgeübt hat. Also Hexenjagd-Alarm?! Falsche Beschuldigungen? Medienhetze?

Margarete Stokowski, die ewig Tolle, hat darüber auf SPON geschrieben. Woher das Gefühl kommt, dass alles diskursiv im selben Topf landet und vor allem, warum es uns zeigt, dass wir eben weiter reden müssen. Es geht schon lange nicht mehr nur um sexuelle Gewalt, sondern überhaupt um Sex. Um Sex und Macht. Wer weiterreden möchte, muss nicht nur reden, sondern auch zuhören.

In der Schnittstelle beider Arten von Verantwortung liegt die Aufgabe der Medien, sorgfältig zu recherchieren und angemessen zu berichten. […]

Es wäre ein elendes Urteil über die aktuelle Debatte zu sexualisierter Gewalt, wenn rauskäme, dass es besser für sie wäre, wenn bestimmte Fälle verschwiegen würden. Denn tatsächlich haben wir schon viele Geschichten gehört, aber immer noch nicht genug.

Allerdings.

Als #Lowlight habe ich die Beschreibung von Andrea Nahles in der FAZ als „einziger Mann der SPD-Führung“ empfunden:

Anders als die zeternden und zaudernden Sozialdemokraten griff sie am Montag den Stier bei den Hörnern, um die Verhandlungen mit CDU und CSU zu verteidigen.

Jasper von Altenbockum, der Autor des Artikels, hat für diese Formulierung in den sozialen Medien ordentlich (und zurecht) einen auf die Finger gekriegt. Und sich dann mit einem offenen Brief an seine Kritiker*innen gewandt. Zunächst erklärt er, die Formulierung sei doch allein deswegen opportun, da sie sich lediglich einer deskriptiven Zuschreibung von unterschiedlichen Politikstilen bediene. Gerade Frauen würden doch oft genug auf den nicht so Macho-orientierten Verhandlungsstil von Geschlechtsgenossinen hinweisen. Er habe dies lediglich aufgenommen und beschrieben, welcher Stil in der aktuellen Situation am besten passe.

Dann versucht er sich einer weiteren Kritik zu erwehren:

…Leser haben mir unterstellt, mit den „zeternden und zaudernden Sozialdemokraten“, die ich Andrea Nahles gegenübergestellt habe, hätte ich offenbar beschrieben, was ich unter einer frauentypischen Art verstehe, Politik zu treiben (der Renner auf Twitter!). Das hat mich überrascht, weil es sichtlich neutral gemeint war.

lol, aber weiter:

Erklären kann ich mir das Vorurteil nur dadurch, dass diese Leser offenbar Opfer ihrer eigenen Gender-Lesart geworden sind: In vermeintlich frauentypischer Politik sehen sie ausschließlich Positives, weil sie sich von den Klischees und Diskriminierungen der Vergangenheit distanzieren wollen. Was sie nicht merken: Sie ersetzen das alte Klischee durch ein neues und übersehen, dass die Diskriminierung („testosterongesteuert“) mitunter einfach die Seiten gewechselt hat.

Nö. Hier hat nicht einfach nur eine Diskriminierung die Seiten gewechselt und hier wird auch alles andere als neutral „zetern und zaudern“ als weiblicher Politikstil beschrieben. Von Altenbockum macht in seinem Text deutlich, welchen Stil er für normativ hält. Es ist der „männliche“ Stil, den der Autor jetzt großzügigerweise auch auf Frauen ausweitet. Nach dieser Lesart gibt es offensichtlich eine richtige Art Politik zu machen, und die wird auch nicht „neutraler“, wenn wir sie Frauen und ihr Gegenteil (!) auch auf Männer anwenden – also beispielsweise Ronald Pofalla als die einzige Frau der CDU beschreiben. „Dann doch lieber Frauen, die zu Männern werden, und Männer, die zu Frauen werden. Denn in allen steckt beides.“ Was so aufgeklärt daherkommt, tradiert nur die ewiggleiche Opposition und wird erst richtig altbacken, wenn es argumentativ auf die sich beschwerenden Frauen zurückgespielt wird.

Es geht gar nicht darum, weibliche Qualitäten ausschließlich als positiv darzustellen. Es geht darum, über welche Achsen wir Politik erzählen. Wie wir überhaupt erzählen. Und wenn dabei der Rekurs auf weiblich/männlich ausschließlich über patriarchal-normative Zuschreibungen funktioniert, dann ist das genau das, was die angebliche unschuldig Neutralität im Kern ausmacht: Normalisierung von Normen. Und die sind nunmal nicht neutral. Aber, schon klar, irgendwo sitzen sie, die Herren über’s einzig Wahre und kochen sich ihr Neutralitätssüppchen. Möge es sie noch ein wenig wärmen, ich ziehe derweil stille Genugtuung aus der Vermutung, dass dieser Gutsherren-Journalismus verglimmt.

Aber genug von den Gestrigen, nach vorne geschaut, mit einem #Netzfund: FrauTV (im WDR) hat jetzt einen eigenen Instagram-Kanal, der nennt sich „Mädelsabende“ und wird von drei jungen Frauen bespielt. Aufklärung, Liebe, feministische Themen – Hier eine Intro und hier der Link zu Instagram. Richtig nett!

Und, als Abschluß noch ein #Highlight. Es geht um die amerikanische #TimesUp-Bewegung. Vielleicht haben sich einige schon gefragt, wieviele Hashtags wir denn noch brauchen, damit sich was tut. Und genau hier gibt Timesup die richtige Antwort, wie Caitlin Moran in der Times schreibt:

… the biggest and most exciting aspect of #timesup is cash. Cold, hard cash. The collective has already put together a $16 million (£12 million) legal fund and is encouraging women from every industry and background who have ever experienced sexual harassment, discrimination and abuse to now sue their attackers. “Time’s up on the imbalance of power. Time to fix it,” says its website.

Slogans, Hashtags, Debatten. Alles wichtig, aber wir müssen einen Gang höher schalten, so Moran:

The time for discussions, lobbying, “influence” and “supporting a change in attitudes” is over – because all those are tactics that rely on convincing those in power to give up some of that power to the less powerful, and this has palpably not worked. After the last elections in the UK and US, the political establishment became more male-dominated, not less.

Die Suffragetten-Bewegung ist nun 100 Jahre her. „Deeds not words“, war damals der Slogan. „Cash and tweets“ könnte ein neuer werden.

Geschrieben habe ich auch, und zwar über die Vagina und einen ganz speziellen Mythos, der mit ihr verbunden wird. Der Artikel erscheint morgen online, ich werd mich also nochmal melden 🙂

Baba, ihr Lieben, macht’s gut. Für mich geht es in die letzte Runde alkoholfreier Januar, mit gemischten Gefühlen. Mal sehen. Lasst es euch gut gehen.

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