Newsletter: KW 8 in Genderhausen

Man darf sich nicht zu sehr freuen, keine Erkältung im Winter bekommen zu haben, weil dann bekommt man eine Erkältung. Aber dann bleibt halt Zeit für Serien. Ich habe in der letzten Woche an einem Tag Staffel 6 von Game of Thrones geguckt. Und gerade mit Staffel 7 angefangen. In der ersten Folge (ihr habt’s ja alle schon gesehen, insofern spoilere ich hier eher nix, oder?) sitzt Arya mit einer Gruppe Soldaten zusammen. Einer davon erzählt, dass er Vater wird. „Boy or girl“, fragt Arya. Der Soldat weiß es noch nicht, aber er wünscht sich ein Mädchen. Denn die würden sich im Alter wenigstens um ihre Väter kümmern, und nicht immer nur kämpfen, wie die Söhne.

Und dann lese ich eben einen Artikel von Sabine Rennefanz in der Frankfurter Rundschau, die das gleiche Phänomen beschreibt:

Wer einen Jungen erwartet, dem wird gratuliert. Worte wie „Stammhalter“ fallen. Auf Babymädchen reagieren die Menschen weicher. „Oh wie süß“, sagen sie. „Ich wünsche Ihnen ein Mädchen“, sagte unser türkischer Nachbar, als ich schwanger war: „Töchter sind besser, sie kümmern sich später im Alter um ihre Eltern.“

Rennefanz und ihr Mann haben versucht, ihren Sohn möglichst genderneutral zu erziehen. Puppenküche statt Bagger, grün-gelb statt blau. Was dabei herausgekommen ist? Ein Sohn, der nur mit Baggern spielen will. Und folgendes sagt:

Neulich sagte er, er wolle später Feuerwehrfrau werden. Ich sagte: „Du meinst Feuerwehrmann?“ Er beharrte: „Nein, Feuerwehrfrau.“ Ich denke, ich kann ihm in Sachen Gendergerechtigkeit nichts mehr beibringen.

Hier geht’s zum Artikel.

DAS Thema der letzten Woche: Paragraf 219a. Das Netz war voll davon und Instagram voller Frauen mit Klebeband auf dem Mund. Der Hintergrund: Der Paragraf soll abgeschafft, bzw. geändert werden, er verbietet das Werben für den Abbruch von Schwangerschaften. Eine Ärztin war im November zu einer Strafe von 6.000 Euro verurteilt worden, weil sie auf ihrer Website geschrieben hatte, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Von „Werbung“ kann dabei eigentlich keine Rede sein. So sieht es auch die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, eine sachliche Information dürfe nicht verboten werden. Frauen, die für die Abschaffung des Paragrafen sind, sehen das Informationsrecht von betroffenen Frauen in Gefahr. Zurecht. Wer sich informieren möchte, die taz fasst es zusammen und in der Süddeutschen steht, welche Partei wie darüber denkt.

Und wieder #metoo. „Deine Korrespondentin“ hat fünf Medienmacherinnen gefragt, was von der Debatte bleiben wird. Grundtenor: Es war eigentlich schon lange da, aber jetzt geht es erst richtig los. Einige Medien haben einen Lernprozess durchlaufen. Das war gut und überfällig. Aber jetzt muss es weitergehen, wie Felicia Mutterer, Chefredakteurin von Straight, schreibt:

#MeToo peitscht die patriarchalen Strukturen und die Galionsfiguren des Konstrukts: Den hängengebliebenen Mann. Dass es von denen eine Menge gibt, war nicht unbekannt. Aber das es nicht ok ist, so zu sein, das ist nun endlich im Kommen. Stilles Ertragen ist out.

Und zum Schluß noch eine große große Empfehlung. „Queer Eye“ auf Netflix. „Queer Eye“ ist der Relaunch einer Makeover-Show aus den 2000ern. Fünf schwule Experten beraten einen Mann, der Hilfe braucht: Weil er mit seinem Aussehen unzufrieden ist, seiner Wohnung, seiner Ernährung, seinem Auftreten. Oder alles auf einmal. Die Fab Five lehren „self acceptance“ (sorry, für die Fülle englischer Wörter hier, aber sie sind nunmal präziser) – auf zum Teil nervige, überdrehte, aber immer ganz ernst gemeinte und oft genug lustige, immer warmherzige Art und Weise. Wie die Männer auf die Fab Five reagieren ist dabei zum Teil herzergreifend: Wer schafft es, in Folge 1 kein Tränchen zu vergießen, wenn sich Tom bei den Jungs bedankt? Ich hab’s nicht geschafft. „Queer Eye“ ist nicht nur herrliches Entertainment, es ist so viel mehr. Die Serie gibt uns einen Einblick in die Welt von Männern, deren Ideal von Männlichkeit oft genug ans Toxische grenzt. Einer Männlichkeit, die es nicht erlaubt, sich auch mal Creme ins Gesicht zu schmieren, es sich zuhause hübsch zu machen, über Probleme und Unsicherheiten zu reden. Wie Penelope Blackmore im Guardian schreibt:

If Queer Eye is anything to go by, straight men are in a prison of their own macho making; a prison where suicide, domestic violence, drug abuse and epidemic loneliness is rampant. A prison where a straight man is discouraged from showing uncertainty or vulnerability, from being able to weep and laugh and let his guard down. God, it must be exhausting being a man all the time! Surely sometimes, just like anyone else, men want to prance around and get in touch with what’s there, latent: their ever-terrifying femininity.

Die „weiblichen“ Aspekte, die von den Fab Five in das Leben der Männer gebracht werden, sind wohl genau die Qualitäten, die landläufig gerne als „schwul“ bei Männern gebrandmarkt werden. „Queer Eye“ zeigt, dass Männer diese Qualitäten dringend brauchen.

Bitte guckt es euch an und wenn ihr die Freude verlängern wollt, lest die Reviews der einzelnen Folgen bei Vulture. Hier geht’s zu Folge 1.

Baba, ihr Lieben, macht’s gut. Genießt die wunderbare Wintersonne und trinkt Ingwertee. Man weiß ja nie 🙂

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